Was sieht fröhlicher aus als ein Fliegenpilz? Die roten Pilze mit den lustigen, weißen Fröhlichkeitspunkten haben es mir
schon immer angetan. Also was liegt näher, als mal einige Fliegenpilze selber zu basteln?


Der Fliegenpilz ist für mich absolut magisch! Wie andere Pilze mit einem Hut wird der Fliegenpilz auch als "Krötenstuhl" bezeichnet. Der Fliegenpilz
ist somit der Wohnsitz einer alten Krötengöttin, die in der deutschen Mythologie verehrt wurde. Man sieht oft auf alten Illustrationen, wie eine Kröte
unter einem Fliegenpilz sitzt, doch eigentlich steht die Kröte für die alte, große Göttin Gaia, der Urmutter der Erde. In den nordischen Kulturen wurde
der Fliegenpilz als schamanische Droge genutzt, z. B. in Lappland oder bei den Samen. Bei den Germanen ist der Donnergott Thor persönlich für die
Existenz der Fliegenpilze zuständig, denn dort wo er mit seinem Hammer auf der Erde Blitz und Donner erzeugte, wuchs der Fliegenpilz.
Auch das Pferd Sleipnir, das 8-beinige Pferd des Gottes Wotan wird mit dem leuchtend roten Pilz in Verbindung gebracht. Als Wotan einmal mit
seinem Pferd von einer Horde Teufeln verfolgt wurde, sprühte dem Pferd Blut und Geifer aus dem Maul. Dort wo diese Mischung auf der Erde
auftraf, wuchsen dort ebenfalls Fliegenpilz.
Man sieht, wie hier im Norden viele Mythen mit dem schönen Pilz zu tun haben. Sicherlich hängt das auch mit seiner Wirkung im menschlichen
Körper zusammen.


Amanita muscaria, der Rote Fliegenpilz gehört zu der Familie der Wulstlinge. Im Herbst, meist im Oktober und Anfang November können wir seinen
roten Hut mit den weißen Punkten im Wald weithin leuchten sehen. Der Fliegenpilz gehört zu den Giftpilzen, wird aber auch in einige Kulturen als
Speisepilz genutzt. Da sollte man aber auch wissen, wie man ihn vorbehandeln muß, damit er gegessen werden kann. Ich rate von dieser Art
Selbstversuche ab!
2022 war der Pilz des Jahres, er wächst gerne in Nadel- oder Laubwäldern und mag gerne die Gesellschaft von Birken. Er liebt einen sauren Boden,
so triftt man ihn auch in der Nähe von Mooren und Torf, wo ja die Birke auch gerne wächst.


Amanita besitzt als Hauptwirkstoff die Ibotensäure, besonders hoch ist die Konzentration unter seiner Huthaut im gelben Pilzfleisch. Auch
die Lamellen enthalten mehr der Säure als die rote Huthaut oder der Stiel. Ibotensäure zerfällt sehr leicht, z. B. beim Trocknen des Pilzes.
Es zerfällt zu Muscimol und dieser Wirkstoff ist für die psychotrope Eigenschaft im menschlichen Körper verantwortlich. Die Vergiftungs-
erscheinungen durch den Fliegenpilz werden mit der des Pantherpilzes (Amanita pantheria) zusammengefasst und heißen daher auch
Pantherina-Syndrom. Nach ca. 30 min bis zu 3 Stunden nach Verzehr kommt es zu Symptomen wie Unruhe, Sprachstörungen, Verwirrung,
Problemen mit dem Gleichgewicht, Pupillenweitstellung und Müdigkeit. Je nachdem, wie der Mensch so drauf ist, kann es sowohl zu Ängsten,
Depression oder Gleichgültigkeit führen, aber auch zu einem Glücksrausch und wunderbaren Gefühlen des Schwebens oder Illusionen von Farben.
Zeit- und Raumgefühl existieren nicht mehr. Es kann aber auch mal zu echten Halluzination der unangenehmen Art kommen. Krämpfe,
Muskelzuckungen sind auch häufig.
Es gibt Möglichkeiten, mit dem Fliegenpilz ein bewußtes Microdosing vorzunehmen. Ich muss sagen, dazu habe ich momentan noch zuviel
Respekt vor dem Pilz. Wenn ihr euch dafür interessiert, schaut doch auf youtube mal bei Timo G. vorbei oder auch bei Buschfunkistan.
Tödlich wird der Pilz bei der Einnahme von ca. 1 kg frischer Pilze oder 100 g Trockenpilze, man sollte sich aber klar sein, dass es auch bei
geringer Menge zur Leberschwellung oder anderen Symptomen kommen kann. Grundsätzlich ist auch zu beachten, dass Pilze, wie auch
Kräuter unterschiedliche Mengen der Inhaltsstoffe aufweisen. Es sind keine Normprodukte mit genauen Angaben, es sind Naturprodukte
und können bei unterschiedlichen Standortbedingen oder Klimaunterschieden auch unterschiedliche Mengen Ibotensäure und damit
auch unterschiedliche Mengen Muscimol aufweisen. Damit möchte ich es dabei belassen. Ich fordere hier keinesfalls zum Microdosing auf.


Nun kommen wir mal zum eigentlichen Thema :=): Wir basteln Fliegenpilze. Für 10 dieser Amanitas in verschiedenen, lebensnahen
Größen habe ich benötigt:
1 Box Taschentücher mit 100 Stück, ich habe ca. 70 Stück für den "Teig" verwendet
etwas Wasser
1/2 Flasche Weißleim
ca. 100 g Roggenmehl
Holzstäbchen, wie Schaschlikspieße
Eierkarton - macht die Trocknung leichter
Acrylfarben oder ähnliches zum Bemalen
Klarlack passend zu deiner verwendeten Farbenart
Pinsel
etwas Moos, Tannenadeln zur Deko
Zeit


Die Taschentücher habe ich erstmal in kleine Stücke gerissen und mit etwas lauwarmem Wasser in einem Mixer zu Papiermaché gemixt.
Dafür mußt du mehrere Male deinen Mixer bemühen, das klappt nicht bei einem Mal.
Alternativ kannst du auch fertiges Papiermaché kaufen und mit der entsprechenden Menge Wasser vermischen.
Ich habe die Masse dann einige für 2 Stunden quellen lassen, das überschüssige Wasser abgegeossen und dann soviel Roggenmehl zugesetzt,
bis die Masse formbar wurde. Zwischendurch habe ich sie immer wieder quellen lassen, denn das Roggenmehl saugt auch eine Menge Wasser auf.
Zum Schluss habe ich eine halbe Flasche des Weißleims zugefügt und alles durchgeknetet.
Danach wurden separat die Hüte und die Stiele um ein Schaschlikstab geformt. Die Hüte kannst du auf einem Backblech oder einem Brett trocknen
und die Stiele in einen Eierkarton gesteckt. Das hat einige Tage gedauert, das hängt von deiner Umgebungstemperatur ab. Sie sollte wirklich
durchgetrocknet sein, sie werden dann ganz fest.

In die Unterseite der Hüte habe ich noch mit einem Holzstäbchen die Rillen für die Lamellen gedrückt.
Ist alles durchgetrocknet, werden Hüte und Stiel zusammengeklebt. Nun kann es ans Bemalen gehen. Mische dir verschiedene Rot- Orangetöne
und bemahle den Hut deiner Pilze. Den Stiel habe ich weiß bemalt und an der unteren Stielseite schwarz und dunkelbraun für die Erde.
Wieder alles trocknen lassen.
Zum Schluss bekommt der Fliegenpilz noch seine Punkte. Für diese einige Taschentücherstückchen mit Weißleim vermischen und mit einem
Pinsel oder Holzstäbchen die Punkte auf das Hütchen setzen. Mit einem weiteren Taschentuchstreifen bekommt der Pilz noch sein typisches
Röckchen. Die Pilze komplett durchtrocknen lassen und einmal alles mit Klarlack bestreichen. Nun kannst du sie noch mit etwas Moos oder
Tannennadeln verzieren, das macht sie noch etwas natürlicher.



Nun stehen sie da, mitten im Wald. Die Weberin hat ihre Herbst-Arbeit getan und wie Perlenschnüren reihen sich Glitzer- um Glitzerstein in ihrem
Spinnennetz aneinander. Amanita ist nicht zu übersehen, das Rot ist weithin sichtbar im Herbstwald, zwischen Buchen- und Birkenblättern,
Kiefernnnadeln und grünen Sauerklee- und Moosbetten.
Den schönen Fliegenpilz, der da unten liegt, den habe ich übrigens nicht umgetreten. Der lag leider schon so da. Ich verstehe grundsätzlich nicht,
warum Menschen durch die Wälder trampeln und Fliegenpilze umtreten. Wenn es darum geht, dass er eine gewisse Giftigkeit besitzt, müssten
wir sämtliche Eiben ausreißen, im Sommer die Fingerhüte umnieten und ebenso Maiglöckchen, Tollkirschen und das jetzt Samen tragende
Pfaffenhütchen. Ich kapier es nicht!



Hier haben meine Fliegenpilze noch andere Pilzverwandte getroffen. Mittlerweile stecken sie in meinen Blumentöpfen und versprühen dort
ihre gepunktete Fröhlichkeit.
Bei den Fotoaufnahmen habe ich noch die arme, kleine Maus gefunden. Ich habe sie mit Blättern bedeckt und sie der Erde überlassen. Denn auch
das ist Herbst - Abschied, Verlassen, Sterben.
Bitte lies den Disclaimer, wenn du die Rezepte nachmachen oder Pflanzen - egal welcher Art - ausprobieren möchtest.
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